Trainingslager 2012 in Vinon - ein Rückblick

Geschrieben von Karsten Petzold.

resized_Vinon_AerodromeKnapp 110.000km wurden an 20 von insgesamt 28 Tagen des diesjährigen Trainingslagers in Vinon sur Verdon von den an unserem deutschen Briefing der Bundeswehrflugsportvereinigung (BFV) teilgenommen Piloten erflogen. Dies sind nur nüchterne Fakten aus dem OLC und längst nicht Alles, wenn man bedenkt, dass einige Luftsportler gar nicht im OLC melden.
Die vielen Kilometer sind auch nicht wirklich kriegsentscheidend. Viel wichtiger ist die Tatsache, dass wir an über 70% der uns zur Verfügung gestandenen Zeit in der Luft waren und wenn man es genau nimmt (die französischen Luftsportkameraden haben es uns vor gemacht), dann hätte man von den 8 nicht genutzten Tagen noch weitere 2 Tage fliegerisch nutzen können. So schlecht war das Wetter an diesen Tagen dann nämlich doch nicht.
Dies zeigt eigentlich ziemlich deutlich, dass das Trainingslager 2012 in Vinon ein absolutes Erfolgserlebnis gewesen ist. Wo sonst auf der Erde kann man im Frühjahr so viele Tage fliegerisch nutzen? Die französischen Seealpen sind schon etwas Besonderes zu dieser Jahreszeit.
resized_Der_Coupe

Mit den oben genannten 8 Tagen Ausnahme kann man den Trainingszeitraum in folgende Abschnitte unterteilen:

Die erste halbe Woche war geprägt von durchschnittlicher Wolkenthermik mit Schwerpunkt über der Durance und dem Parcour. Dies war bestens für die Gebirgsneulinge, denn so konnte man sich langsam vom Flachland ins Gebirge vortasten.

Die folgenden eineinhalb Wochen waren die besten Tage, die oftmals den gesamten französischen Alpen- und Voralpenbereich, sowie manchmal auch den italienischen und schweizerischen Alpenbereich abdeckten Hier waren sehr oft Flüge jenseits der 600km in u.a. die Nähe vom 250km weit entferntem Mont Blanc möglich, wie man sie im OLC auch bewundern kann.

resized_Hangflug_ber_dem_ParcourDie dritte Woche war geprägt durch Hangflug und einem thermisch etwas kleiner nutzbaren Gebietes, welches manchmal sogar im Voralpenbereich besser war, als in den Alpen selbst. Einige Flüge gingen so z.B. in Richtung Mittelmeer in den Bereich von Nizza. Ich selbst habe einige Mal die Lotsen von Nizza und Marseille mit meinen Flugwünschen beschäftigt. Getreu meinem Motto: Requesten kann man alles, ob man es bekommt, ist eine andere Sache. Aber eigentlich habe ich fast alles bekommen, was ich so wollte.

In dieser Woche hatten wir auch unsere Nationalmannschaft zu Besuch, welche hier für die anstehende Europa-
meisterschaft kommendes Jahr inVinon trainiert hat.
Die folgende halbe Woche war wieder ein Highlight, allerdings nicht thermischer Natur: Mistral stand an und an zwei Tagen konnte man schön Welle fliegen. Der 08.04. verdient allerdings eine detaillierte Beschreibung:

resized_Aus_knapp_6km_Hhe_die_Ecrins_mit_Mont_Blanc_im_HintergrundOffen gestanden, wir haben diesen Tag fast schon verpennt und so starteten die ersten Flieger erst gegen 10 Uhr. Es folgten fantastische, bis zu 10 Stunden genutzte Wellenflugbedingungen bis bestimmt weit über 6km Höhe. Nutzen konnten wir allerdings nur knapp 6km, darüber darf man über den französischen Alpenbereich nicht. Von Vinon wurden zwei fast Tausender an diesem Tag geflogen und die hier lokal erfahrenen Wellenflugpiloten beurteilten diesen Tag sogar als nicht perfekt. Soll bedeuten, wenn der Mistral mal richtig gut weht, dann würde es wohl noch besser gehen.

resized_Mont_Ventoux_mit_Blick_zum_Lure

Mich persönlich hat es an diesem Tag aber auch oft an den Hang getrieben. So habe ich den Luberon fast in seiner vollen Länge und auch die Strecke vom Mont Ventoux bis zum Lure neben zwischenzeitlichen, mehrmaligen Wellenaufstiegen auch im Hangflug bewältigt. Hier musste man sehr viel Nerven haben, denn der Hangflug ähnelte eher einem Durchflug eines Rotors, so turbulent war es dort. Das etwas Lockern der Gurte, wie im gemütlichen Thermikflug, konnte man hier getrost vergessen.




resized_Endanflug_von_der_SerreAm Ende des Tages musste man aufpassen, dass man nicht zu spät landet. Wobei, das musste man auch an Tagen, wo keine Welle war, machen. Das ist ja das schöne hier in Vinon. Wenn die Thermik im Gebirge meist gegen 19 Uhr zu Ende geht, folgt ja noch ein ewig langer Endanflug, der nicht selten länger als eine Stunde dauert. 4km Höhe über den Ecrins z.B. müssen halt auch erst einmal abgeglitten werden.

Die letzte halbe Woche war dann allerdings nicht mehr so prickelnd und so wurde ab dem 12.04. wegen Regen nicht mehr geflogen und viele Segelflieger sind etwas eher abgereist.

Als Trainer für unsere 3 „Neulinge“ standen uns Ulf Bartkowiak und zeitweise Norbert Kühne sowie Rene Heise zur Verfügung. Herzlichen Dank noch einmal für eure professionelle Unterstützung. Ich persönlich habe durch Ulf recht schnell in die Gebirgsfliegerei rein gefunden und mich so auch schnell auf Alleintouren begeben können. Diese habe ich manchmal mit Fehlern bestückt, so dass ich mich das eine oder andere Mal in nicht ganz so prächtigen Höhen und Gegenden wider gefunden habe. Einen Flug musste ich z.B. eine Stunde lang bei Briancon am „Praschavall“ mit beidseitig des Tals jeweils mehr als 1,5km Felswand vor und über mir bei bestem Thermikwetter kämpfen, bis ich wieder Anschluss finden konnte. Tja, wer das Lee unterschätzt, findet sich sehr schnell, sehr tief wieder.

Das wichtigste in solch einer Situation ist: Nerven bewahren und konsequent seinen Fahrtmesser und den Abstand zu den Felsen beobachten. Es ist für den sonst im Flachland rumturnenden Streckenflieger eine unangenehme Optik und erst hier habe ich richtig verstanden, was man in diversen Sicherheitsbriefings meinte, als die Thematik „fehlender Horizont im Gebirge“ angesprochen wurde. Wenn man nur Felswand um sich herum hat an Stelle eines Horizontes, dann ist es schwierig, seine Geschwindigkeit im Normbereich zu halten, welche hier im Gebirge sowieso um einen Sicherheitsfaktor von mindestens 10% erhöht ist. Damit hat man etwas mehr Puffer, wenn man mal nicht konsequent seinen Fahrtmesser im Visier gehabt hat oder Turbulenz die ganze Sache eine Ecke anspruchsvoller macht.

resized_IMG_1720Zusammenfassend lässt sich unser Trainingslager in Vinon als eine ideale Trainingsvorbereitung für z.B. anstehende Wettbewerbe nutzen. Die frühjährlichen Bedingungen sind, trotz der manchmal etwas einengenden Luftraumstruktur, einfach einmalig gut. Und so hoffe ich natürlich auch kommendes Jahr um rege Teilnahme und vielleicht trifft man ja auch wieder mal ein paar neue Gesichter hier unten. Wie gesagt, auch ich war ein eben solches in diesem Jahr. Und eigentlich hört man von diesen „neuen Gesichtern“ nur einheitlich: „Ich komme wieder nach Vinon“. Scheinbar gibt einem dieses schöne Fleckchen Erde doch etwas positiv in die Segelfliegerseele Einbrennendes mit auf dem Weg.

Das nächste Trainingslager findet im Übrigen vom 16.03. bis 13.04.2013 statt – weitere Information dazu demnächst hier auf unserer Homepage.

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Text: Karsten Petzold, OLt und Segelflugreferent BFV
Bilder: Björn-Christian Michaelis, Tim Rühenbeck, OFw Enrico Springer und OLt Karsten Petzold